Wirtschaftspolitische Positionen des VDMA Großanlagenbaus 2019/2020

@Vladimir Kobolov - Fotolia

Die im VDMA organisierten Großanlagenbauer skizzieren den aus ihrer Sicht dringlichen politischen Handlungsbedarf in gemeinsamen wirtschaftspolitischen Positionen.

Der Großanlagenbau befindet sich – wie andere Industriebranchen auch – seit Jahren in einem tiefgreifenden Wandel: Kundenbedürfnisse und Nachfragestrukturen verändern sich mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem mittlerweile allseitigen Streben nach Klimaneutralität in allen Sektoren grundlegend.

Hinzu kommt: Der Marktdruck im Projektgeschäft wird auch in den kommenden Jahren nicht abnehmen. Das liegt vor allem an der starken Konkurrenz aus Asien. Dabei ist die Wettbewerbsposition des europäischen Großanlagenbaus sowie das hoch komplexe Umfeld der VUCA1 -Welt, das sich insbesondere auf das exportorientierte internationale Projektgeschäft auswirkt, seit Jahren bekannt und sei nachfolgend deshalb nur mit kurzen, aktuellen Stichpunkten skizziert:

Weltweite starke politische Unsicherheiten: wachsende Instabilität in Europa (BREXIT, erneute Eurokrise, zunehmender Nationalismus), schwelende Handelskonflikte als Ausdruck eines grassierenden Protektionismus und sich zuspitzende politische Konflikte, insbesondere im Mittleren Osten, Terrorismus
Fragile, sich abkühlende Weltkonjunktur: Wachstumsverlangsamungen in China, USA und Europa (aktuell verstärkt auch durch das neuartige Corona-Virus)
Klimaneutralität: umfassender struktureller Wandel der energie- und klimapolitischen Rahmenbedingungen
Digitalisierung: Durchdringung auf allen Wertschöpfungsstufen des Projektgeschäfts und Veränderung von Geschäftsmodellen
Wettbewerbsdruck: steigt, insbesondere aus China

Die Mitgliedsunternehmen des VDMA Großanlagenbau haben sich 2019 trotz dieses herausfordernden wirtschaftlichen und politischen Umfelds mit einem Auftragseingang von rund 18,3 Mrd. € auf Vorjahresniveau einerseits behaupten können. Andererseits liegen die Bestellwerte nun schon sechs Jahre lang unter 20 Mrd. € und damit gut 40 % unter den 2007 und 2008 erzielten Spitzenwerten. Die Anstrengungen der Industrie allein reichen schon seit Jahren nicht mehr aus, um in dem sich rasch ändernden Umfeld zu bestehen: Der global operierende Großanlagenbau ist auf einen von der Politik gestalteten, international verbindlichen und fairen Wettbewerbsrahmen angewiesen, der weltweit allen Akteuren ein sogenanntes „level playing field“ bietet. Von Letzterem kann jedoch in zentralen Bereichen der Außenwirtschaftspolitik keine Rede mehr sein.
 

Der VDMA Großanlagenbau begrüßt daher nicht nur die aus dem konstruktiven Dialog der letzten Jahre hervorgegangenen bisherigen Maßnahmen – er bietet vor allem der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, die im zweiten Halbjahr 2020 einen zentralen Schwerpunkt auf die europäische Industriepolitik setzen wird, seine praktische Expertise an.


Diese Realitäten sind auch der nationalen und europäischen Politik bekannt. Beispielhaft sei hier die deutsche Industriestrategie 20302 genannt, die zu Recht feststellt, dass die außenwirtschaftspolitischen Instrumente modernisiert werden müssen, um unfairen Handelspraktiken anderer Staaten die Stirn bieten zu können.

Die Erkenntnisse sind nicht neu, die Herausforderung für die nationale und internationale Politik liegt vielmehr darin, sich gemeinsam mit anderen europäischen und OECD-Staaten auf praktikable Maßnahmen und Rechtsakte zu einigen und diese dann umzusetzen. So ist allen Akteuren bewusst, dass die Zeiten nationaler Alleingänge vor dem Hintergrund globaler Lieferketten und komplexer Interdependenzen längst vorbei sind. 


[1] Dieses Akronym steht für Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit.

[2] Vgl.: Industriestrategie 2030 – Leitlinien für eine deutsche und europäische Industriepolitik, BMWi, 29.11.2019, abrufbar unter: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Industrie/industriestrategie-2030.html.

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