Plattformökonomie – Business neu denken

Weil Engineering

Im privaten Bereich sind Buchungs- und Vermarktungsplattformen längst üblich, doch auf Unternehmensseite wissen viele Unternehmen diese Entwicklung nicht für sich zu nutzen. Der Erfahrungsaustausch von ProduktionNRW gab Einblick in diesen wichtigen Trend.

Die Form der Marktadressierung über Plattformen wird in Zukunft auch für die Unternehmen der Investitionsgüterindustrie an Bedeutung gewinnen. Plattformen organisieren den Kundenzugang neu und ermöglichen es, den Unternehmen ihr etabliertes Leistungsangebot um datenbasierte Leistungen zu erweitern. Dabei werden die Daten und deren Nutzungsmöglichkeiten bedeutender als das Produkt selbst. Um fertigenden Unternehmen einen Einstieg in dieses Thema zu bieten, hat ProduktionNRW am 21. Juni 2017 im Rahmen der Aachener ERP-Tage einen Erfahrungsaustausch organisiert.

Die Entwicklung betrifft Produkte und Dienstleistungen, die Unternehmen über Plattformen transparent und einfach beziehen können wie zum Beispiel Komponenten und Halbzeuge oder Transportdienstleistungen. Zum anderen werden Plattformen für Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus selbst zu Werkzeugen, um den eigenen Vertrieb und Einkauf nachhaltig und erfolgreich zu positionieren.

Eine Schnittstelle

Am Beispiel der EDI-Plattform myOpenFactory wurde aufgezeigt, wie die Plattform einerseits Netzwerkeffekte für die technische Anbindung realisiert und dadurch gleichzeitig die Beschaffungsprozesse digitalisiert und automatisiert: Wird beispielsweise eine Bestellung per EDI an den Lieferanten versendet, so können die eingehenden Auftragsbestätigungen (Lieferavis, Rechnungen) automatisch anhand der Bestellung validiert werden. Ohne relevante Abweichungen wird die Auftragsbestätigung sofort im ERP-System verbucht. Der Einkäufer wird vom manuellen Prüf- und Erfassungsaufwand vollständig entlastet und seine Aufmerksamkeit auf relevante Termin-, Mengen- oder Preisabweichungen fokussiert.

„Interessanterweise mangelt es im EDI-Kontext nicht an Standards, im Gegenteil: es gibt viel zu viele,“ stellt Dr. Carsten Schmidt, Geschäftsführer der myOpenFactory GmbH fest. So wurde bereits im Jahr 1986 der erste EDIFACT-Standard veröffentlicht. Heute existieren neben den gängigen Standardformaten wie bspw. EDIFACT, openTrans, VDA, SAP-iDoc etc. auch unzählige proprietäre Formate der verschiedenen ERP-Systeme, weshalb EDI meist als aufwändiges Projektgeschäft zur Umsetzung bilateraler Anbindungen zwischen einem Kunden und seinen „großen“ Lieferanten angesehen war.

Vor diesem Hintergrund entstand zusammen mit dem VDMA, dem FIR an der RWTH Aachen und einem Konsortium aus ERP-Herstellern und Maschinenbauunternehmen der Quasi-Standard „myOpenFactory“ (DIN-PAS 1074). Dieser Standard, der als „Kleinster gemeinsamer Nenner“ aus den zuvor genannten Standardformaten entwickelt wurde, steht im Zentrum der gleichnamigen EDI-Plattform. Auf dieser neutralen Datendrehscheibe können alle miteinander via EDI kommunizieren und benötigen dafür genau eine technische Anbindung, vom eingesetzten ERP-System zur myOpenFactory-Plattform. Heute sind bereits knapp 1.000 Firmen an die myOpenFactory-Plattform angeschlossen, darunter nahezu alle relevanten Lieferanten für den Maschinen- und Anlagenbau.

Wert durch Zusatzleistungen

Michael Finkler, Geschäftsführer der proALPHA Business Solutions GmbH skizzierte die absehbare Entwicklung des Enterprise-Resource-Planning (ERP), das sich zu einem Bestandteil zukünftiger Business-Plattformen entwickelt. Diese Plattformen werden umfangreiche Funktionalitäten und Dienste anbieten, welche die internen und die unternehmensübergreifenden Prozesse, schneller, transparenter, sicherer und preiswerter machen werden. Im Zuge dieser Veränderungen werden ERP-Lösungen zukünftig weniger in ihrem Systemkern verändert, sondern viel mehr durch Micro-Services ergänzt, die bei Bedarf aufgerufen und in Kommunikation mit den Daten aus dem ERP und externen Quellen genutzt werden können. Augenfällig ist in diesem Zusammenhang, dass ERP-Lösungen zunehmend hybrid (eigene Rechner und Internet) oder vollkommen internetbasiert zum Einsatz kommen.

Smart Services brauchen strategische Positionierung

Dr. Gerhard Gudergan, Leiter des Bereiches Business Transformation am FIR, gab einen Ausblick zur Entwicklung von Geschäftsplattformen. Dabei erwartet er vor allem in Bereichen, in denen ein hoher Bedarf an Prozessverbesserung im Sinne von Beschleunigung, Transparenz und Prozesssicherheit besteht, kurz und mittelfristig attraktive Angebote von Plattformanbietern.

Dazu sind bereits jetzt die führenden Plattformanbieter am Start und für mittelständische Unternehmen stellt sich die Frage, ob sie selbst versuchen Plattformen aufzubauen oder sich mit ihren Produkt- und Dienstleistungsangeboten bei bestehenden Plattformen ansiedeln. Ein maßgebliches Thema wird auch die Möglichkeit sein, zwischen bestehenden Plattformen zu interagieren, also die gleichzeitige Nutzung mehrerer Plattformen gewinnbringend zu konzertieren. „Unternehmen müssen strategische Positionierungsfragen beantworten, um Smart Services anzubieten“, erklärt Gudergan und mahnt abschließend: „Die Potenziale vernetzter Systeme können nur umfassend gehoben werden, wenn eine sichere IT-Infrastruktur geschaffen wird!“